Zwerg vs. grosser Hund - ein Resumee

Rebecca Heri, Oktober 2017

Es dürfte niemandem neu sein, dass zahlreiche Vorurteile und Meinungen vorherrschen beim Thema Zwerghunde. "Das sind keine richtigen Hunde", "Kläffer", "die brauchen nicht viel Auslauf", "die jagen nicht", "was soll man mit so einem anfangen?", "Schosshündchen", "immer die Giftigsten"... die Liste ist endlos weiterführbar. Da ich schon dem Zwergpinscher meiner Oma die ersten Komandos beigebracht habe, bin ich selber relativ unbefangen an das Thema Zwerghunde herangegangen. Von meinen bisherigen Erfahrungen möchte ich gerne einen kurzen Bericht schreiben.

Grundsätzlich: das Meiste ist Erziehung, aber nicht alles!
Personen, die sich aktiv mit ihren Hunden befassen und sie erziehen, überrascht das kaum. Ganz klar ist das Meiste reine Erziehung. Genauso wie ein grosser Hund, muss auch ein Kleiner lernen, dass er sich überall anfassen lassen soll, dass er sein Köpfchen nicht immer durchsetzen kann und seine Süssheit nicht immer zieht. Ich selber habe bereits ab dem 2. Tag zu Hause mit meinem Mini das Anfassen geübt. Ich habe ihr in die Ohren geschaut, in die Augen und das Mäulchen, an den Pfötchen rumgedrückt, den ganzen Körper gestreichelt, vom Näschen bis zum Schwänzchen und im Fell rumgewühlt (Zeckensuchen). Ja ok... ich habs grade selber gemerkt... die Sache mit dem "chen". Aber im Ernst jetzt: an dem Tier war nichts dran! Mit etwas über 900g kam es zu mir und alles an ihr war winzig klein! Und so zerbrechlich und knuffig... ja, es ist nicht immer einfach, da konsequent zu sein. Aber grade desswegen ist es umso Wichtiger, sich dran zu halten. Denn: das Umfeld ist definitiv keine Hilfe! Wärend es bei grossen Hunden jeder schon im Alter von 4-5 Monaten nervig findet, wenn er zu Fremden hinrennt und an ihnen hochsteht mit seinen Matschpfoten, und womöglich noch in jugendlichem Leichtsinn an den Händen rumkaut, kriegt bei einem Zwerg jeder einen Endorphinschub... und das ein ganzes Hundeleben lang, denn ein 2kg Hund setzt fast alle Ekelgrenzen ausser Kraft! Selbst eigentliche Hundegegner die zuerst finden "was ist denn das für eine Ratte" gehen in die Knie und streicheln das Köpfchen, wenn das Hündchen wie verrückt mit dem Schwanz wedelnd zu ihnen hinrennt und gestreichelt werden möchte.
Aber zurück zur Körperinspektion. Nun, das fand das Minitier total überflüssig, hat sich gewunden wie ein Stück Seife und ihre nadelspitzen Zähnchen zur Verstärkung des Protests in meine Finger gebort. Da gab es erst mal einfach Festhalten (mit Fingern ausser Gefahrenzone), bis das sich-Winden aufgehört hat, dann gelobt und weitergemacht. Nach Kurzem war das Thema gegessen und heute kriegen wir vom Tierarzt begeisterte Komplimente, weil sie so brav ist und trotz Unsicherheit nicht zur Furie wird. Sei selten bei Chihuahuas. Einige müssten sie zu dritt festhalten und sedieren.

Dennoch möchte ich hier etwas ansprechen, was sich viele Leute nicht bewusst sind. Zwerghunderassen wurden in den meisten Fällen für keinen bestimmten Zweck gezüchtet oder werden seit vielen Generationen, teils Jahrhunderten tatsächlich nur auf Aussehen und Kleinheit hingezüchtet. Der Pekinese z.B. wurde dazu erschaffen, im Ärmel des Kaisers zu warten, der Chihuahua war Schosshündchen für aztekischer Prinzessinnen und Opfergaben zur Begleitung ins Jenseits von verstorbenen Menschen, der Coton de Tuléar galt als exklusiver Schosshund der reichen Bewohner von Tuléar, der Bologneser stammt von kleinen weissen Hunden ab, die als wertvolle Geschenke zu römischen Zeiten an Machthaber des Reiches überbracht wurden. Das alles sind keine Zuchtzwecke, die spezielle Wesensstärke, Wesenszüge oder den Willen mit dem Besitzer zu arbeiten gebraucht haben. Aus diesem Grund gibt es für die Zwerghunderassen auch keinen Wesenstest oder eine Gebrauchsundeprüfung. Solange ein Hund dem Standard entspricht und seine Zuchtzulassung erhalten hat, darf mit ihm gezüchtet werden. Und da kleine Hunde nicht viel Platz benötigen und gut verkauft werden, sind sie bei Massenzüchtern natürlich auch sehr beliebt, wo auf gar nichts mehr Wert gelegt wird, ausser dem schnellen Geld.
Das Resultat sind wirklich starke Mängel im Wesen der Tiere. Als ich für meine Chihuahuahündin gleichaltrige Spielkumpels gesucht habe, habe ich diverse Leute getroffen. Das waren tolle Leute, teilweise mit solider Hundeerfahrung, die sich mit den Hund abgaben und sie nicht verhätschelten. Einige Hunde kamen auch aus namhaften Linien. Aber bis auf eine Hündin waren alle enorm unsicher und haben sich auf meine (meist kleinere und jüngere) Hündin nicht einlassen können. Eine Hündin war so extrem, dass sie auch beim 3. Treffen immer noch kreischend davonrannte, sobald meine Kleine in ihre Nähe kam! Eine andere Hündin hat nie mit ihr gespielt und zeigte immer Angst und Meideverhalten, obwohl wir uns regelmässig getroffen haben und ihr Rudelkumpel mit meiner gespielt hat. In der Welpengruppe war ein Chihuahua, der 4 Wochen älter war wie meine. Er war kein Hund vom Vermehrer, die Besitzer haben grossen Wert auf eine kontrollierte Zucht gelegt. Sie haben von Anfang an toll mit dem Hund gearbeitet und seine Beziehung zu den Menschen und sein Erziehungsstand in seinem Alter war beeindruckend! Aber kaum tauchte ein anderer Hund auf, ist er in Panik verfallen!
Was passiert nun also, wenn die Besitzer diese Angst nicht erkennen oder falsch verstehen, und nichts tun oder falsch reagieren? Die Lösung ist naheliegend. Der Hund, auf sich alleine gestellt, sucht selbständig Lösungen. Und bekanntlich ist Angriff die beste Verteidigung. Und so hat man im Handumdrehen einen kleinen kläffenden Terroristen an der Leine.

Die Bekleidung
Inzwischen ist ja schon längst auch unter den Besitzern von grossen und sehr felligen Rassen die Diskussion um das Mäntelchen bei nasskaltem Wetter und sportlichen Aktivitäten entbrannt. Auch beim Chihuahua und anderen Zwergen gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Wärend die einen ihrem Hund im Sommer ein Shirt anziehen damit sich Fiffi nicht erkältet, gehen andere auch noch bei starkem Regen und 5°C mit dem Chihuahua ohne Schutz eine Stunde raus. Ich habe mich vor dem Zwergeneinzug auch ganz klar zu Letzteren gezählt, schliesslich haben Hunde ein Fell, und solange sie in Bewegung bleiben, sollte das kein Problem sein. Ja... doch dann kam der Zwerg und das war eine der ersten und grössten Erkenntnisse die ich hatte, und auf die mich niemand vorbereitet hat! Ein 2kg-Hund hat nicht genug Körpermasse, um seine Körpertemperatur ausreichend auszugleichen! Sie frieren enorm schnell, haben aber auch enorm schnell heiss. Sie kühlen bei Hitze in wenigen Minuten, teils sogar Sekunden wieder ab, wärend grosse Hunde noch eine halbe Stunde später hechelnd auf dem kalten Bodenplatten liegen. Sind sie im Winter mal richtig durchgefroren, reicht eine kurze Kuscheleinheit vor dem Kamin bereits wieder aus um sie aufzuwärmen. Das Pech meines Zwerges ist zu alledem leider, dass sie ein schlechtes Fell hat. Sie hat kein buschiges, volles Fell mit dichter Unterwolle, sondern ein leichtes, lockeres. Bläst man ihr ins Fell, sieht man sofort die Haut. Regnet es also nun, ist sie in wenigen Minuten nass und zwar bis auf die Haut! Wer da mal ein Selbstversuch wagen mag... Bikini an und raus in den Regen. Ja ok, ich bin kein Fan von Mensch-Hunde-Vergleichen aber jedem sollte klar sein, was Regen für einen winzigen Hund mit schlechtem (oder sehr kurzem) Fell bedeutet. Obwohl mir ein gesunder Umgang mit dem Hund wichtig ist, trotz seines mini-Seins, muss ich sie vor starken Themperaturen immer wieder schützen. Im Hochsommer bei grosser Hitze trage ich sie auch mal, wenn keine Grünstreifen zur Verfügung stehen und die Hitze zu extrem ist. Und im Winter bei nasskaltem Wetter muss halt das Mäntelchen her. Auch wenns, ja ich gebs zu, echt an meinem Stolz kratzt! Erstaundlicherweise sind Minusthemperaturen und trockener Schnee kein Problem. Sie hat zwar auch da sichtlich kalt zu Beginn, hat dann aber am Schnee so eine Freude, dass sie rumrennt wie eine Irre und so ihren Körper warm hält. Allerdings geht auch das nicht all zu lange.

Mich hat dieses Thema in den ersten 1.5 Jahren sehr gestört und ich fühlte mich auch ziemlich eingeschränkt desswegen. Inzwischen kann ich es einfach annehmen und auch doofe Kommentare von anderen Leuten überhören oder mit einem Gegenspruch kontern. Trotzdem ich mein Minitier vor starkem Wetter schütze, arbeitete sie in den Obedience-Trainingsstunden auch im strömenden Regen mit, solange sie in den Pausen warm und trocken gehalten wurde. Sie legt sich auch ins nasse Gras auf Kommando. Aber nur, wenn ich die gegebene Rücksicht auf sie nehme, und inzwischen ist das für mich auch völlig in Ordnung. Auch bei 35°C arbeitet sie mit mir mit ohne Leistungsabfall. In den Pausen mache ich sie jeweils komplett nass, indem ich Wasser auf meine Hände schütte und sie damit abreibe. Diese kurzen Wasserstreicheleinheiten geniesst sie auch richtig und hält brav still, auch wenn ich das Bäuchlein nass mache. Das gibt dann gleich einen Energieschub und wir können weiterarbeiten.

Klein, handlich und immer wieder Opfer
Nun zu einem Fakt, den ich als enormen Vorteil empfinde im Vergleich zu grossen Hunden. Zwerge sind unglaublich handlich! Ihre Bettchen, Boxen, Futternäpfe, und co. benötigen viel weniger Platz. In ÖVs fahren sie gratis mit, sie sind in Menschenmengen schnell auf dem Arm, wärend sich die Grossen auf die Pfoten und Schwänze treten lassen müssen. Sie fressen weniger, machen weniger Sauerei beim trinken, verlieren weniger Haare und nehmen auf dem Sofa nicht den ganzen Platz weg. Ich mag das alles sehr. Wirklich! Allerdings gibt es da auch Nachteile, die ich erwähnt haben will. Mein Zwerg tut sich sehr oft weh, weil sie so klein ist. Beim Spiel mit den grossen Hunden haben diese schnell mal die Pfote benutzt. Einmal draufgehauen, Zwerg schreit. Auch bei Rennspielen muss das Mini dauernd aufpassen, wo es grade ist, damit es nicht überrannt wird. Zudem ist es uns jetzt schon zweimal passiert, dass fremde Hunde sie als echte Beute wahrgenommen haben, wenn sie schnell umhergerannt ist. Hier reden wir dann nicht mehr von harmlosen Jagdspielen. Wären die Hunde frei gewesen, hätte mein Zwerg das wohl nicht überlebt. Sie hat echten Jagdtrieb ausgelöst! Aber selbst wenn der andere Hund nichts böses will und einfach über den Mini drüber rennt, kann das sehr schnell mit schweren Verletzungen oder sogar tödlich enden. Doch da kommt dem umsichtigen Zwergenhalter die Handlichkeit zu Gute.
Und somit komme ich wieder zu einem umstrittenen Thema. Das Hochheben und auf den Arm nehmen der kleinen Hunde. Ich stehe seit dem Zwergeneinzug offen dazu: ja, ich weiss das sie vier gesunde Beine hat und ja, trotzdem nehme ich sie oft auf den Arm. Die Gründe sind vielfältig. Als der 900g schwere Welpling zu mir kam, war grade eine hochsommerliche Hitzewelle in Gange. Das Miniding hatte noch butterzart Pfötchen und konnte unmöglich auf dem brennend heissen Teer laufen. Mal ganz abgesehen davon, dass ihre winzigen Beinchen dem schnellen Schritt von mir und meinen Grossen noch nicht folgen konnten und ich trotzdem gerne hin und wieder für ein paar hunder Meter richtig marschieren wollte, vorallem den Grossen zuliebe.
Im Erwachsenenalter gibt es vorallem zwei Hauptgründe. Einerseits ist es sehr nervig, wenn alle drei Hunde angeleint sind und die Grossen sich nicht auf die Kleine achten. Sie stehen dann unachtsahm auf sie drauf oder überlaufen sie einfach, grade bei aufgeheizten Hundekreuzungen. Angeleint hat sie keine Chance, auszuweichen. Darum habe ich begonnen, sie da oft auf den Arm zu nehmen, damit sie nicht ständig im wahrsten Sinne des Wortes drunter kommt. Andererseits nehme ich sie bei Hundebegegnungen oft hoch, wenn der fremde Hund nicht mehr abrufbar ist. Denn ich weiss ja nicht, ob der Fremde so Zwerge kennt und wie er reagiert. Auch dort muss einem Zwergenbesitzer klar sein, dass schon ein unbedarftes Kontaktaufnehmen eines fremden Hundes gefährlich werden kann. Wenn ein tolpatschiger Labrador aus Verlegenheit zu spielen beginnt und kurz auf den Zwerg drauf haut, kann das bereits richtig gefährlich werden, rein von der Körpermasse her. Aus diesem Grunde gehe ich dort kein Risiko ein, allerdings kam es schon hin und wieder vor, dass beim kreuzen Gespräche entstanden und ich nach kurzer Rücksprache mit dem anderen Hundebesitzer die Kleine dann auf den Boden lies.
Übrigens wurde sie trotz Prognosen von diversen Leuten kein Kläffer "von oben herab". Gar nicht! Manchmal knurrt sie, wenn die Hunde unten sehr aufgeheizt sind, das ist aus meiner Sicht aber völlig in Ordnung.

Der Leistungsvergleich
Zu guter Letzt kommen wir zum für mich wichtigsten Punkt. Der direkte Leistungsvergleich, denn da werde ich am Meisten darauf angesprochen und da hatte ich auch einige Unsicherheiten vor dem Zwergeneinzug.

Wie auch die grossen Hunde stammen die Zwerge ursprünglich vom Wolf ab, auch wenn das kaum zu glauben ist. Und Wölfe sind Langstrecken-Läufer. Sie traben ausdauernd viele Kilometer am Tag und hetzen ihre Beute über bemerkenswert lange Strecken! So sind auch unsere Hunde in vielen Fällen noch ausdauernde Läufer. Schon von kleinauf trainierte mein Mini ihre Ausdauer und so war eine 22km Wanderung mit 10 Monaten kein Thema für sie. Sie lief einige Male am Fahrrad mit, auch wenn ich das Thempo natürlich etwas drosseln musste. Es gibt Chihuahuas, die es lieben am Fahrrad mitzulaufen! Zugegeben: meine gehört nicht zu denen und das ist auch ok. Aber rein vom Körperlichen her könnte sie es devinitiv.
Bisher war ihre Grösse noch nie ein Hindernis für irgend eine Tätigkeit die wir machten. Egal ob auf dem Hundeplatz, dem Spazieren, beim Joggen oder langen Wanderungen... sie hält es sehr gut mit!

Sie ist ein sehr cleverer Hund und lernt genauso schnell wie andere Hunde auch. Ich habe sie von Welpe an trainiert und Grundgehorsam und im Obedience aufgebaut und sie hat sehr schnell gelernt. Das Vorurteil, das kleine Hunde weniger schnell lernen oder gar dumm sein sollen, kann ich in absolut keinster Art und Weise bestätigen, eher im Gegenteil! Leery denkt mit und sucht aktiv Lösungen, genau das, was ich mir von einem Hund wünsche. Sie hat zudem eine gewisse "soziale Intelligenz", die meine Border Collie Hündin zum Beispiel fast gar nicht hat. Das Zwergentier kennt seine Wünsche sehr genau und sucht Lösungen, diese zu erreichen. Habe ich auf dem Tisch also ein Sandwich, was sie haben will, nutzt sie haargenau die 2 Minuten, in denen ich kurz aufs Klo muss, um über den Stuhl auf den Tisch zu klettern, das Sandwich zu klauen und sich in ihre Box zu verkrümeln. Meine anderen beiden Hunde haben das nur solange gemacht, bis ich sie inflagranti erwischt habe, danach was das Thema gegessen. Das ist dem Chihuahua völlig egal! Beim nächsten mal ist sie einfach schneller und/oder leiser.

Zum Schluss...
Ich habe es noch keinen Tag lang bereut, mich für einen Zwerg entschieden zu haben. Einige Themen am Zwergenhalten sind sogar so praktisch, dass ich mich oft frage, warum ich mich so lange gegen kleine Hunde gewehrt habe und mich nur für Grosse interessiert habe! Ich finde meinen Zwerg ganz grosses Kino und kann es jedem Interessenten nur ans Herz legen, sich Minirassen einmal anzuschauen und sich über sie zu informieren. Verdient haben sie es auf jeden Fall!

 

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Leery und das grosse Leben eines kleinen Hundes