Bindung im Hund-Menschen-Rudel:

 

Falsch verstandene Tierliebe ist leider noch allzu oft gang und gäbe. Die Denkart, der Hund liebt mich, weil er von mir zu fressen bekommt – oder der Hund macht ein Kunststück, weil er ein Leckerli erhält, ist eine gestörte Meinung. Oft führt es sogar so weit, dass der Hund nur noch einen Befehl ausführt, wenn er dafür ein Leckerli erhält.

 

Der Hund geht keine Beziehung mit mir ein, nur weil er ein Leckerli bekommt. Die Bindung geschieht auf der Gefühlsebene. Der Hund ist ein Rudeltier. Das nicht alleinsein wollen ist angeboren und geht nicht über die Futtermenge, die er von anderen Rudelmitgliedern erhält. In der Wildnis könnte es viele Tage ohne Futter geben, deswegen würde er sein Rudel nicht verlassen.

 

Wichtig für ihn ist die Geborgenheit, die Bindung, die Nähe zum Rudel oder eben die Nähe zur Familie.

 

Die Beziehungsgefühle wecken in ihm das Verlangen, uns zu gefallen. Dieses Gefühl regt ihn an, sich an „artgerechten“ Handlungen der Menschenfamilie zu erfreuen, zum Beispiel mit seinem Menschen in eine für ihn doch unhündisch riechende Stadt zu gehen und in überfüllten Einkaufsstrassen brav an der Leine zu laufen. Er freut sich sogar über bestimmte Aufgaben, die er von seinem Rudel bekommt, wie eine Zeitung tragen oder seine Rudelmitglieder suchen, die sich versteckt haben. Oder sitzen, warten, an der Leine gehen, nicht schnuppern, links, rechts um die Gestelle herumgehen und am Schluss ein Besuch im Restaurent, geschützt zwischen den Beinen der Rudelmitglieder, wissend, dass alle Spass und Freude an ihm hatten. Und danach zu hause der Höhepunkt des Tages: das artgerechte Spiel, eine Massage am ganzen Körper, ein Napf voll Futter und ein angenehmes Hundebett.

 

Zu keiner Zeit wird die Beziehung über Futter aufgebaut. Alles spielt sich auf der emotionalen Ebene ab. Stellen Sie sich einen Blindenführhund vor, er umläuft eine Stange, sucht eine Treppe, überquert Strassen, nur weil er danach ein Leckerli bekommt. Unmöglich. Das Führgespann geht hochkonzentriert seinen Weg – ohne Leckerlipause, ohne Konzentrationsunterbruch. Von Punkt A bis Punkt B. Bei B angelangt, ist die Arbeit zu Ende und erst jetzt kommt der Genuss: eine Ganzkörpermassage und danach Ruhe.

 

In der Wildnis oder beim frei lebenden Hund wäre das der Tagesablauf. Viel Ruhe, um Kräfte zu sammeln. Konzentriertes Spiel, um Erfahrung zu sammeln, eine hochkonzentrierte Jagd nach Beute und erst nach erfolgreicher Jagd gibt es zu fressen, und zwischedurch immer wieder die gegenseitige Pflege.

 

 

Die Hunde geniessen die gegenseitige Massage durch belecken.

 


So etwa sieht ein Hundealltag aus und so sollte er auch im Rudel Mensch-Hund gestaltet werden.

 

Ich bin mir ganz sicher: könnten Hunde wählen, sie würden sich ein Rudel aussuchen, das ganz klare Strukturen hat, ein Rudel, in der er, der Hund, als Individuum eine klare Stellung und Aufgabe hat. Ein Rudel, das ihm Sicherheit und Geborgenheit gewährt.



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Doris Meier

Brünggen 33

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