Mein Hund wird älter, Debby v. Brünggberg ist schon lange pensioniert:
Wir alle beschäftigen uns mit dem Thema „älter werden“. Was
passiert, wenn wir nicht mehr hundertprozentig unserer Arbeit nachgehen
können? Sei es aus körperlichen Gründen, wegen Konzentrationsschwäche
oder weil wir einfach müde sind und uns nach Ruhe sehnen.
Wir Menschen hören auf unseren Geist und Körper und können somit das „Älterwerden“ planen.
Unsere Hunde erleben denselben Prozess. Nur sie können nicht
selbst ihr „Älterwerden“ planen, sie müssen es uns überlassen. Denn
einen etwas ruhigeren Lebensabschnitt im Alter haben sie wahrhaftig
verdient.
So wichtig wie die Freizeitgestaltung für den Menschen, so wichtig ist
sie für unsere alten Hunde. Geist und Körper müssen genügend Erholung
bekommen. Je weniger Erholungsphasen stattfinden, desto schneller
schreitet der Alterungsprozess voran. Der Körper meldet: Ich bin
ausgebrannt. Ich kann und will nicht mehr!
Der Mensch sagt dann, er leide am Burn out Syndrom. Wie es der
Hund nennt, weiss ich nicht. Alles, was ich weiss, ist, er kennt dieses
Syndrom auch und die geistigen sowie die körperlichen Reaktionen sind
dieselben wie beim Menschen.
Älterwerden ist auch beim Hund ein natürlicher Prozess, der sich wie
beim Menschen mit vielen Anzeichen bemerkbar macht. Im Gegensatz zum
Menschen kann sich der Hund nicht verbal ausdrücken, um uns auf seine
schleichenden „Breschteli“ aufmerksam zu machen. Im Gegenteil, er
unterdrückt sie, solange es geht. Das abnehmende Augenlicht wird durch
seine bestens ausgeprägte Nase ersetzt. Er erriecht dann quasi die
Hindernisse. Seine gewohnten Wege kennt er auswendig, seine abnehmende
Konzentration reicht dazu noch lange. Kommen neue Wege hinzu, z.B. bei
Wohnortwechsel, wird es für ihn schwieriger. Der Aufbau der einzelnen
Wegabschnitte greifen seine bereits geschwächte Konzentration viel
schneller an. Und doch, hat er den neuen Weg gelernt – wird er ihn mit
Freude gehen. Allzu schnell vergisst oder verbannt der Mensch dann seine
Sorgen um den älter werdenden Hund.
Das Hörvermögen nimmt ab. Dies bemerken wir immer wieder. Nicht nur beim
Abrufen des Hundes, sondern vor allem bei den täglichen Spaziergängen.
Normale alltägliche Geräusche kann er nicht mehr richtig orten oder nach
Wichtigkeit einschätzen. Er setzt Ohren und Augen in Richtung
Geräuschpegel ein. Das heisst, was früher den Einsatz eines Sinnes
notwendig gemacht hat, erfordert heute drei Restsinne.
Damit Debby kommt, muss ich weit ausgreifende Armbewegungen machen, das sieht sie, und dann kommt sie, gemächlich ohne zu prässieren.
Treppensteigen, ein- aussteigen bei Verkehrsmitteln verursachen
immer mehr Schmerzen. Im Anfangstadium wird der Hund es uns nicht merken
lassen, mit der Zeit wird sich der Mensch gewöhnt haben, einer Treppe
auszuweichen oder sie langsamer zu begehen, ob langsam oder noch
langsamer eine Treppe ist und bleibt eine Treppe und verursacht dem Hund
Schmerzen. Und wie das Wort Umweg sagt, handelt es sich dabei meistens
um einen längeren Weg, was für den Hund wiederum bedeutet, länger
unterwegs zu sein. Richtig im Alter wäre jedoch, kürzer zu treten.
Anstelle von einem langen Spaziergang – vermehrte, aber kürzere. Für den
Hund aber ist es schwer, seinem Meister beizubringen, dass man nur den
halben Weg machen könnte. Dieser steht immer noch in selben Arbeits-
oder Alltagsprozess. Ob mit einem jungen oder älter werdenden Hund. Auch
dann noch, wenn ihn der Hund, an Menschenjahren gerechnet, schon lange
überholt hat.
Spätestens jetzt sollten wir uns mit dem Älterwerden des Hundes
intensiv auseinandersetzen. Und dies nicht nur wegen seiner grauen
Schnauze, die er bekommt. Nein, unser Hund braucht jetzt viel mehr Ruhe
oder Schlafphasen. Die Ruhephasen während der Autofahrt reichen nicht
mehr und wirken in den meisten Fällen störend auf den Hund. Zu viele
Umwelteinflüsse, das Warten auf den Bus u.v.m. werden zur Qual. Der
Boden ist zu kalt für ihn, die Feuchtigkeit fördert seine
Gliederschmerzen.
Der freie Auslauf oder das Spiel mit Artgenossen, selbst das Spiel
mit seinem Meister, können verheerende Nachwirkungen haben. Die
Schmerze treten oft erst Stunden oder Tage später auf.
Langsam spürt der Hund selber, dass sein Körper sich verändert. Er
versucht, den Gliederschmerzen oder der nicht mehr vorhandenen
Kondition auszuweichen. Er reagiert gereizt auf Artgenossen, beendet das
Spiel viel früher als gewohnt. Ganz einfach: die Toleranzschwelle
sinkt, die Geduld nimmt ab, der Bewegungsdrang schränkt sich ein. Lärm
und Hektik verträgt er sicher nicht mehr.
Die Phase der „Sturheit“ – „Dickköpfigkeit“ – ist nun eingeläutet.
Und zwar zu Recht.
Dieser Lebensabschnitt muss jetzt vom Mensch zu
Gunsten des Hundes vorbereitet werden. Wie wir auch immer diesen
Lebensabschnitt benennen, es hat einzig und alleine damit zu tun, dass
sich der Hund sein verdientes Recht nimmt, sich für alles, was er tut,
mehr Zeit zu nehmen, sich nicht unter Druck zu setzen mit dem steten
„aufs Wort gehorchen“. Einmal seine Ohren beim Abruf zu verschliessen.
Trotz der Arbeitszeit des Meisters im Korb liegen zu bleiben. Auf dem
halben Weg des Spazierganges umzukehren, dabei zu schnuppern und sich so
lang Zeit zu lassen, wie er will.
Zu Beginn dieser Phase beginnt nichts anderes als bei einem
Menschen vor der Pensionierung. Er signalisiert seinem Arbeitgeber und
seinem Umfeld, dass er sich auf seinen verdienten Ruhestand vorbereitet,
um dann endlich den letzten Lebensabschnitt noch in Ruhe, ohne Stress
und hoffentlich noch eine lange Zeit geniessen zu können.
So schwer und unvorstellbar es für den Menschen sein wird: Auch unsere Hunde verdienen eine würdige Pensionierung.
Immer mehr Hunde treten in diesen neuen Lebensabschnitt ein und haben sozusagen die Narrenfreiheit auf dem Brünggberg.
Debby, 16. Januar 1997,
Debby ist jetzt 14 Jahre alt und hat in fünf Würfen viele wunderbare
Welpen auf die Welt gebracht und sie war ihnen eine sehr gute Mutter.
Sie darf nun das tun, was sie gerade tun will. Ich merke, dass sie
gerne ihre Ruhe hat und am liebsten ganz Nahe bei mir ist, ohne die
anderen. Debby ist von Natur aus äusserst Eifersüchtig. Am liebsten ist
sie aber in der Schreinerei-Werkstatt, da hat sie ihr Revier das sie
gerne und gut verteidigt, sie lacht hinter den Stockzähnen und freut
sich wenn sie einem Vertreter Angst einjagt.
Ich hoffe, Debby bleibt noch viele Jahre gesund und munter.
Debby liebt es mit der Musik unterwegs zu sein. Sie ist schon zum Wahrzeichen geworden. Oft heisst es beim Engagement, aber bitte mit Hund!
Kaj ist jetzt 10 Jahre alt und ebenfalls ein
Brünggberg-Pensionär.
Kaj ist ein Sohn von Debby und war als Blindenführhund
ausgebildet worden. Kaj war ein paar Jahre in Basel bei einer blinden Frau im
Einsatz.
Später kam er zu mir zurück und machte nun mit uns, das sind
Elisabeth (blinde Führhundehalterin) und ihrem Führhund Siro und mir
FerienSpass. Wir besuchten in der ganzen Schweiz die Schulkinder und brachten
ihnen das Thema „Blindsein und Blindenhunde“ näher. Kaj und Siro (auch schon 11
Jahre alt) führten sehr gerne die Kinder herum.
Nun merke ich aber, dass es Kaj langsam zu viel wird, es
macht ihm aber immer noch Spass, wenn er im Führgeschirr arbeiten darf. Nur
nicht mehr mit 15 – 20 Kindern laufen, dass will er nicht mehr. Die Hektik und
der Kinderlärm wird ihm zu viel, er wird gleichgültig und schaut oft
weg. Er lässt sich jedoch nach wie vor alles gefallen und er liebt es, wenn die
Kinder zu ihm auf den Boden sitzen, ihn streicheln und liebkosen.
Kaj beim Führen von einer erwachsenen Person.
Wir bieten auch weiterhin FerienSpässe an, nur haben wir das laufen unter der Dunkelbrille für Kinder gestrichen. Das ist für den Hund sehr anstrengend, jedes Kind läuft anders, die einen schneller, langsamer, lassen sich ziehen oder ziehen den Bügel zur Seite oder nach oben. Das alles ist für den Hund recht unangenehm und störend.
Unsere Hunde dürfen nach wie vor in die Schulen mitkommen und sich von den Kindern streicheln lassen, nur Arbeiten brauchen sie nicht mehr.
Wie sorge ich für einen älteren Hund?
Sollte man sich entschliessen einen alten Zuchthund bis zu
seinem Tode bei sich zu behalten, oder ihn seine Pension an einem neuen Platz
geniessen zu lassen?
Die Entscheidung ist nicht immer einfach, denn beides kann
durchaus richtig und für den Hund eine gute Lösung sein.
Für einen guten Pensionsplatz sollten sich Züchter für ihre alten Zuchthunde entscheiden: - wenn die Rudelmitglieder dem Hund keine Ruhe lassen - wenn der Hund jeden Tag seinen Platz verdeidigen muss - wenn der Hund keine aufgestellten Welpen vertägt und sich nervt - wenn er nichts mehr hört und schreckhaft wird, weil er andere Hunde nicht mehr hört
Es lassen sich immer wieder sehr gute Pensionsplätze finden, denn ältere Leute können und wollen keinen Welpen mehr aufziehen. An so einem ruhigeren Platz fühlen sie die älteren Hunde sehr wohl und können ihren Lebensabend geniessen.
Ein paar Veränderungen die bei einem älterwerdenden Hund zu
erwarten sind:
- Der Hund wird langsamer: Arthrose und
Weichteilverspannungen können sich zeigen, wenn der Hund nach einem entspannten
Schlaf wieder auf zu stehen versucht oder wenn er Treppen geht. Er schläft
öfter und tiefer und sollte dann nur wenn es unbedingt nötig ist sanft geweckt
werden.
- Probleme mit den Ohren: Ob ein alter Hund seinen
Hörsinn komplett verliert oder nur dann und wann nicht reagiert, dann ist es
wichtig, es von einem Tierarzt abklären zu lassen; vielleicht hat es ja nichts
mit dem Älterweren zu tun, sondern kommt von etwas Ernsthafterem, das behandelt
werden muss.
- Trübe Augen: Älterwerdende Hunde bekommen oft
auch einen etwas bläulichen Schimmer im Auge. Dies hat meistens nichts mit der
Sehschärfe zu tund und stört den Hund nicht. Die Hornhaut wächst das ganze
Leben lang, so wird sie immer dichter und erscheint trübe. Doch gibt es andere
Erkrankungen der Augen, die einen Tierarztbesuch unumgänglich machen.
- Muskelschwäche: Es ist nicht aussergewöhnlich,
dass die Muskulatur im Alter sichtlich abgebaut wird. Dies wird oft bei den
Oberschenkeln und Hüften zuerst beobachtet.
Bei älterwerdenden Hunden ist es wichtig, dass man ihren
Gang, die Gesamterscheinung und den Gesundheitszustand aufmerksam beobachtet.
Im Seniorenalter sind Hunde noch anfälliger auf Wärme und
Kälte und müssen vor allzu starken klimatischen Einflüssen geschützt werden.
Gute und gequeme Liegebetten werden im Alter zu einem muss.
Sie sollen Druckstellen vermeiden und dem Hund ein trockenes und warmes Nest
sein. Ältere Hunde ziehen sich gerne in abgelegene und ruhige Zimmer zurück.
Deshalb sollte man wenn möglich dem Hund verschiedene Schlafstellen anbieten
und sein erhöhtes Ruhebedürfnis akzeptieren.
Es versteht sich von selbst, dass ein Seniorenhund
(wie auch jeder andere Hund) nicht beschimpft werden soll, wenn er sich aus
Versehen in der Wohnung versäubert!